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10 Jahre Marvel Cinematic Universe. Ein Zwischenfazit
Das Marvel Cinematic Universe muss hier wohl niemandem mehr vorgestellt werden, aber sicherheitshalber die Teilnehmer des Gesprächs über die Wechselwirkungen des MCU und (Superhelden-)Comics generell: Steffen Volkmer vom Panini Verlag, Peter Vignold, Filmwissenschaftler, Volker Robrahn, Filmkritiker und Comichändler in Hamburg und Moderation: Martin Jurgeit, Comicjournalist.

Vielen Menschen ist das Marvel Cinematic Universe ein Begriff, selbst wenn sie noch nie einen (Marvel-)Superhelden-Comic in der Hand gehalten haben. 10 Jahre ist es mittlerweile her, dass der erste offizielle MCU-Film mit „Iron Man“ in die Kinos kam. Grund genug, ein Zwischenfazit zu ziehen.

Anfang der Nullerjahre gab es bereits eine Schwemme von Superhelden im Kino: Die X-Men, andere Marvel-Filme und Daredevil, um nur einige zu nennen. Jurgeits Erwartung war, dass die MCU-Filme eine eher trashige Note haben und als B-Movies angesehen werden würden. Auch Robrahn hatte zunächst keine großen Erwartungen an den Film und hatte im MCU schon eine„Resterampe“ gefürchtet, da die meisten erfolgreichen Superhelden bereits einen Film bekommen hatten. Volkmer hatte im Vorfeld die Sorge, dass der Film scheitern würde da Iron Man eine Maske trägt, die zwar im Comic mit Emotionen versehen werden kann, im Realfilm aber nicht – er war aber wie alle anderen sehr positiv überrascht und lobt Robert Downey Junior als Darsteller, der auch den Witz mit in den Film gebracht hat, der das MCU ja schließlich charakterisiert. Übrigens haben alle betont, dass sie von Anfang an immer auch die letzte Szene im Abspann gesehen haben, und sind sich darin einig, dass Marvel hier in der Hinsicht super Erziehungsarbeit geleistet hat, da mittlerweile viel weniger Kinobesucher den Saal verlassen, sobald der Abspann beginnt.

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Marvel Cinematic Universe
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Weil dann so viele gute Filme des MCU hintereinander veröffentlicht wurden, ist dadurch das Gesamtinteresse an Superhelden stark gestiegen. Davon profitieren die Comics wiederum sehr! Ohne die Filme hätte es viele neue Comicserien auf Deutsch nie gegeben, was man gerade bei den Guardians of the Galaxy sehen kann. Diese Serie rangierte comictechnisch zuvor eher auf Rang C oder D, aber durch die Filme erlebte sie einen totalen Boom, der jetzt wieder auf die Comics abfärbt.

Obwohl alle betonen, dass die Filme den Verkauf und die Popularität der Comics sehr steigern, lässt sich trotzdem kaum damit planen: Die Entscheidung von Panini, ob ein Comic verlegt wird wenn der nächste Film des MCU ansteht, muss bereits fallen bevor der Film rauskommt. Es ist nie klar, ob der Comic ein Renner wird, weil die jeweiligen Filme z.B. auch verschoben werden können oder vielleicht nicht gut laufen. Topseller-Comics wie Spiderman werden kaum von neuen Filmes gepusht, aber dann können die Verlage Sonderpublikationen anstoßen, die vom Film profitieren. Robrahn verzeichnet auf jeden Fall steigende Verkaufszahlen wenn ein Film rauskommt, und bekommt passend von Panini Informationen geschickt, was man dazu im Programm haben sollte.

Wie kam es überhaupt zu alldem? Das Marvel Studio wurde quasi aus dem Nichts gegründet und musste sich eine halbe Milliarde Dollar leihen um die Filme drehen zu können. Darum kann man die Bedeutung des Erfolgs des ersten Films nicht hoch genug einschätzen, sagt Robrahn und verweist auf den Versuch eines anderen Studios, es ähnlich zu machen. Man wollte die Monster wiederbeleben, die Mumie, Frankenstein und so weiter, erzählt er. Als aber die Verfilmung von „Die Mumie“ so gefloppt ist (mittlerweile ja schon zum zweiten Mal), ist der Rest der geplanten Serie nie realisiert worden.

Volkmer war seit Beginn des MCU fasziniert davon, mit welchem Überraschungseffekt die Filme auftrumpfen konnten. Auch vor „Captain America“, den er aus den Comics kannte, war er wieder skeptisch ob die Verfilmung gut werden würde, war dann aber von den tollen Ideen und vielen Wendungen des Films begeistert. Gleiches galt wieder bei Ant-Man, den er zunächst als „Rohrkrepierer“ befürchtet hatte, den Film dann aber sensationell fand. Und wieder hatte er Zweifel vor Infinity War, und freut sich nun, dass sie es wieder geschafft haben, alle Stränge der Story zusammen zu führen und weitere Wendungen einzubauen. Auch Robrahn gestand, dass er immer gedacht hatte, dass die gute Serie der erfolgreichen MCU-Filme irgendwann muss doch mal abreißen müsste, aber er ist erstaunt, dass es schon so lange gut funktioniert. Vignold betont, dass (außer vielleicht mit Ausnahme von „Hulk“) jeder Film des MCU richtig viel Geld eingespielt hat und kein einziger finanzieller Flop dabei war.

Die Gesamtlaufzeit der Kinofilme des MCU ist schon beachtlich, allerdings ist die der dazugehörigen Fernsehserien noch viel größer. „Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“ ist die vermutlich bekannteste der TV-Serien und könnte auch als „Marvels Wochenschau“ betrachtet werden, da sie storytechnisch relativ eng mit den Filmen vernetzt ist. Dies ist möglicherweise das erste Mal, dass Kinofilme und Fernsehserien so eng miteinander agieren. Die Serien lassen sich in drei Gruppen aufteilen, die jeweils in ihrer Vernetzung mit den Kinofilmen weiter abnehmen. Da gibt es zunächst die ABC-Serien (Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D, Agent Carter, Inhumans), dann die Netflix-Serien (Daredevil, Luke Cage, The Defenders, Jessica Jones, Iron Fist, The Punisher), und die am wenigsten verknüpften Freeform/Hulu-Serien (Cloak & Dagger, Runaways, New Worriors).

Die Marvel Fernsehserien nehmen eine niedrigere „Rangfolge“ im MCU ein als die Filme, da sie auf die Filme aufbauen und sie gewissermaßen auch unterfüttern. Allerdings muss man sie nicht gesehen haben um die Filme zu verstehen –während man andersherum davon ausgehen kann, dass die Zuschauer der Serien die Filme gesehen haben. Somit wurde ausgeschlossen dass die Zusammenwirkung nicht funktioniert, da die Filme klar „Vorrang“ haben und die Hauptstory bedienen. Auch die Teilnehmer dieser Gesprächsrunde haben nicht jede der Serien gesehen und vermuten, dass dies auch für die meisten Zuschauer gilt und man sich einfach diejenigen Serien raussucht, die einen interessieren.

Für Panini scheint es, als würden auch die Serien ein neues Comic-Interesse generieren: Zu Runaways gibt es einen jahrealten Megaband, der sich mit der Geschichte der Serie verbindet – was bislang verkaufstechnisch niemals eine Chance in Deutschland hatte. Nun aber ist das anders und der Band lässt sich auch hier verkaufen.

Mit den Comics hat man quasi schon mögliche Drehbücher für Filme vorliegen, aber faktisch werden verschiedene Stories neu kombiniert und verarbeitet. Dadurch werden auch die Comics wieder verändert, weil sie eine Kontinuität zu den Filmen herstellen wollen und im Nachgang zum Beispiel die Kostüme updaten. Es gibt auch Comics die die erzähltechnischen Lücken zu den Filmen schließen.

Prinzipiell wird bei Marvel aber kein Gesamtkonstrukt aus Comic und Film angestrebt, eher sind es zwei parallel laufende Universen (ansonsten könnten sie sich auch gegenseitig negativ beeinflussen). Momentan wird eher die Optik der Comics an die Filme angeglichen, sagt Volkmer.

Apropos Optik - Die Filme können eigentlich nur deswegen so hochwertig produziert werden, weil die Tricktechnik endlich so weit ist dass man alles glaubwürdig und lebensecht darstellen kann. Netflix verfilmt im Gegenteil zu den Kinofilmen eher die Down-to-earth Superhelden, die sich mit Problemen im eigenen Viertel beschäftigen. In früheren Verfilmungen sah alles eher trashig-nett als cool aus. Die Darstellung der Kostüme ist dabei nur die eine Sache, aber die der Superkräfte noch mal eine ganz andere. Volkmer findet es gut, dass Netflix ein zurückgefahrenes Modell anbietet, wie z.B. bei Smallville, wo es zwar auch um einen Superhelfen geht, es aber trotzdem „nur“ eine Coming of Age-Geschichte ohne Kostüme und ähnliches ist. Außerdem gibt es dort auch Charaktere wie Jessica Jones, die auch in den Comics schon kaum ein Kostüm trug.

Und wird es nun dauerhaft so weitergehen? Volkmer erzählt, dass er mit jedem neuen Superheldenfilmstart wieder danach gefragt wird, ob es nicht langsam genug davon gibt und ob nicht irgendwann eine „Superheldenmüdigkeit“ einsetzen würde (ähnlich der Situation, wenn ein Superheldenfilm mal kein überragendes Ergebnis einfährt). Er sieht das allerdings überhaupt nicht so und meint, dass es bereits zig Agentenfilme gibt, die immer wieder die Massen begeistern und doch meist nach dem gleichen Schema ablaufen. Bei Superhelden hingegen ist der Fundus an Geschichten und Charakteren noch viel größer!

Das Interesse ist also definitiv vorhanden und wird so schnell wohl nicht abreißen; es scheint als könne es tatsächlich erstmal ungebremst so weitergehen. Und doch könnte man irgendwann an die fast schon natürliche Grenze stoßen, mit der man immer wieder im Filmbusiness konfrontiert wird wenn es um Serien des gleichen Charakters geht: Was passiert, wenn die Schauspieler älter werden oder aussteigen? Wie will man die Schauspieler ersetzen? Wird man sie innerhalb der Story ersetzen? Hier werden wir wohl einfach abwarten und auf das Beste hoffen müssen.

Man kann auf jeden Fall folgendes Fazit ziehen: Das Interesse an Superhelden ist heute so groß wie niemals zuvor. Sie sind völlig aus ihrem jahrzehntelangen Nischendasein herausgetreten, und auch wenn nicht jeder Superheld der Comics im Rampenlicht steht, kann sich doch nur jeder Comicfan freuen, dass Comics durch die neue Beliebtheit von Superhelden in jeder Hinsicht von der Aufmerksamkeit profitieren – und wenn es auch nur dadurch liegt, dass die Existenz von Comics zentraler ins Bewusstsein der Gesellschaft rückt. Auf auf und voran! ;-)

PS: Zum Weiterlesen, bis Ant-Man and the Wasp endlich anläuft (und falls man alle Comics schon durchgelesen hat): Peter Vignolt hat seine Abschlussarbeit an der Uni über das MCU geschrieben und ein Buch zu dem Thema herausgebracht: „Das Marvel Cinematic Universe. Anatomie einer Hyperserie“, erschienen im Schüren Verlag.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 03.06.2018 - 07:09
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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