SplashpagesSplashbooksSplashcomicsSplashgamesComicforumImpressumEntertainweb


In der Datenbank befinden sich derzeit 43 Events. Alle Events anzeigen...
Specials Eventspecials

Manga made in Taiwan: Ruan Guang-min und der „Donghuachun Frisiersalon“
Wann hat man das schonmal, dass ein Comic als TV-Serie verfilmt wird? Zugegeben, es ist keine absolute Ausnahme, aber Ruan Guang-mins preisgekrönter Comic „Donghuachun Frisiersalon“ aus Taiwan kann sich nun zur illustren Reihe von verfilmten Comics zählen, und das ganz ohne Superhelden. Wie das geht, sehen wir hier: Guang-min war zu Besuch auf dem Comicsalon und hat seinen Comic vorgestellt und von der Situation des Comics allgemein in Taiwan sowie seiner persönlichen Arbeitsweise berichtet.

Ganz kurzer historischer Exkurs: Früher herrschte in Taiwan jahrzehntelanger Ausnahmezustand. Es gab starke Zensur, und es war nicht erlaubt die Wirklichkeit verzerrt darzustellen – Zeichnungen von sprechenden Tieren oder Ähnlichem waren tabu! Der nationale Comicmarkt war somit ziemlich eingeschränkt, aber es wurden viele japanische Raubkopien unterm Ladentisch verkauft. Nach der Aufhebung des Ausnahmezustands konnten japanische Comics fortan auch offiziell vertrieben werden und langsam wurden mit der Zeit auch einheimische Künstler verlegt. Trotzdem erlebten taiwanische Comics erst in den 90er-Jahren einen Aufschwung, der aber bereits ab 1996 aufgrund der Übermacht japanischer Comics schon wieder zurückging.

Jüngere Leser waren keine Zielgruppe für Comics. Es war nicht erwünscht dass Kinder und Jugendliche Comics lesen, in der Annahme, dass es schlecht sei für den Schulerfolg der Kinder, und somit wurde es nicht gefördert. Mittlerweile scheint sich das zu ändern, und voraussichtlich nächstes Jahr soll ein Mangamuseum in Taipeh eröffnet werden, um zu verhindern, dass die eigene taiwanesische Comickunst komplett von Japan verdrängt wird.

Comiczeichner machen in Taiwan meist ihr eigenes Ding. Wenn eine Preisverleihung stattfindet, läuft man sich dort über den Weg, aber ansonsten herrscht kaum Kontakt unter den Künstlern. Auch die Verlage vernetzen sich nicht. Sie hatten früher „eigene“ Zeichner unter Vertrag, darum war zwischen den Zeichnern kein Kontakt erwünscht. Es gibt auch keine Manga-Messen in dem Stil wie beim Comic-Salon, sondern eher Fanmessen, wo Leute zusammenkommen die sich inspirieren lassen wollen, die ihre eigenen Geschichten zeichnen und Cosplay ausleben. Solche Treffen finden bis zu acht Mal im Jahr statt.

Kommen wir aber nun endlich zum „Donghuachun Frisiersalon“! Guang-min kam die Idee zu der Geschichte, als er noch einen Hauptberuf hatte und viel Zeit im Bus beim Pendeln verbrachte. Unterwegs kam er immer an einem Friseursalon vorbei. Dessen Name mit den drei Schriftzeichen ist im Chinesischen für einen Friseursalon eher ungewöhnlich, und das hat sein Interesse geweckt. Handelte es sich vielleicht um die Namen von drei Personen? So hat er angefangen, sich Geschichten zu den drei Personen auszudenken. Dazu kam, dass es Salons in dem Stil, nämlich unten im Wohnhaus einer Familie, kaum noch gibt. Zu solchen Salons, erklärt Guang-min, geht man nicht nur zum Haareschneiden, sondern vielmehr aus zwischenmenschlichen Gründen. Er hat einmal beobachtet, wie ein älterer Herr in so einen Salon gegangen ist, der kaum noch Haare hatte, und mutmaßt, dass er sich eher mit der älteren Besitzerin austauschen wollte… das lässt Raum für Fantasie.

Generell versucht Guang-min, in seinen Comics Dinge zu zeigen, die einer gewissen Epoche angehören und am Verschwinden sind, und er macht es sich zur Aufgabe festzuhalten, wie sie ausgesehen haben und wie die Menschen damals mit sich umgegangen sind. Danach sucht er in seinem näheren Umfeld.

Jetzt aber endlich ein kleiner Einblick in die Story! Sie handelt natürlich von den drei erdachten Personen im Frisiersalon. Dort treffen zwei Halbgeschwister aufeinander, die bis dahin nichts voneinander wussten. Ihr Vater hat seine erste Frau und seinen Sohn verlassen, als dieser 10 Jahre alt war, und danach eine neue Familie gegründet. Kurz vor seinem Tod hat er seine Tochter aus zweiter Ehe zum Sohn aus erster Ehe geschickt. Dieser nimmt sie auf, weil er durch sie etwas über seinen Vater erfahren will. Auch die Schwester wusste vorher nichts davon, dass der Vater bereits eine frühere Familie hatte, und will auch mehr darüber erfahren. So können beide das Bild ihres Vaters für sich vervollständigen. Die dritte Figur ist ein Totschläger, der aus dem Gefängnis kommt. Er hat als junger Mensch den Sohn eines Polizisten getötet, aber es war ein Unfall. Sein Vater hat zusammen mit dessen Vater bei der Polizei gearbeitet, bis der Vater des getöteten Jungen einen Korruptionsskandal aufgedeckt hat, in den der Vater des Totschlägers verwickelt war…

Insgesamt gibt es lange Strecken mit ruhiger Geschichte, die von plötzlichen Ausbrüchen unterbrochen werden und die an chinesische Comics erinnern. Guang-min wollte so der Tragik der Story mit Humor begegnen, so dass sich die Trauer besser ertragen und auflösen lässt. Der Comic handelt von zwischenmenschlichen Beziehungen und Dynamiken im Familienbereich wie Vergeben und Verstehen, sowie von der Aufarbeitung von Familiengeschichte.

Guang-min zeichnet gerne Dinge, die ihn beim Aufwachsen begleitet haben. Er findet, dass es seine Comics authentischer macht, wenn er Begebenheiten aus seinem eigenen Leben behandelt statt sich alles auszudenken. Dafür komme es natürlich darauf an, sein Umfeld sowie zwischenmenschliche Interaktion zu beobachten. Das tut er hier in Deutschland sicherlich auch, und er war auch schonmal für einen Monat mit einem Residenzstipendium in Berlin, aber so bald wird man wohl keine europäischen Referenzen in seinen Comics finden – das traut er sich noch nicht zu, und er möchte nichts falsch darstellen, sagt er. Ansonsten lässt er sich durch Filme, Bücher und Geschichten aus seinem Umfeld inspirieren und merkt augenzwinkernd an, Autoren seinen wie Diebe, die anderen Leuten ihre Geschichten klauen und dann weiterverkaufen.

Außerdem wird Guang-min durch andere Comics inspiriert. Früher hat er viele Jugend- und Actioncomics gezeichnet, bis er mit 33 Jahren angefangen hat, Mangas des vor allem in westlichen Ländern sehr bekannten Comiczeichners Taniguchi zu lesen. Dadurch hat er den Mut gefunden, seiner inneren Leere zu entfliehen und sein „eigenes Ding“ zu machen. Das hat sich ganz offensichtlich gelohnt, denn obwohl zunächst nur wenig Resonanz auf den Comic kam, hat er einen hochdotierten Preis gewonnen, so dass ein Verlag auf ihn aufmerksam geworden ist und den Comic veröffentlicht hat. Der Verlag hatte zunächst Bedenken, weil er keine Zielgruppe für den Comic sah, aber wie bereits erwähnt, wurde die Story in Taiwan sogar als TV-Serie veröffentlicht. Auf diese Adaption hatte Guang-min allerdings wenig Einfluss, so dass es sich eher um eine Weiterentwicklung der Story als eine Adaption handelt. Dennoch hat der Erfolg der Serie wieder mehr Aufmerksamkeit auf den Comic gelenkt. Auch seine Verbreitung in Europa nimmt zu, so ist nicht nur dieses Buch auf Deutsch erschienen, sondern es wurden auch schon die Rechte für eine andere Veröffentlichung nach Frankreich verkauft.

In Deutschland ist der Comic zweisprachig herausgebracht worden: Er ist einmal auf Chinesisch und einmal auf Deutsch im Buch abgedruckt. Übersetzt wurde er von Johannes Fiederling, der ganz begeistert von dem Comic war und es somit seine erste Comicübersetzung wurde. Die größte Schwierigkeit für ihn war, einerseits den Platz für den Text zu berücksichtigen (viele Panels sind eher länglich, also höher als breiter), womit es schwierig war, den Text in die Bilder einzupassen. Andererseits war es außerdem herausfordernd, aber auch spannend, den Stil zu treffen, da sowohl Slang als auch poetische Texte im Comic vorkommen.

Guang-min bringt es fertig, einen berührenden und realistischen Comic zu schreiben, in dem der Trauer immer wieder mit Humor begegnet wird. Und wie hält es Guang-min selbst? In dem Moment, als die Verfilmung seines Comics durchstartete und er dachte, dass endlich Tantiemen reinkommen würden, ging sein Verlag bankrott. Aber auch er begegnet der Entwicklung mit Humor. Wer weiß also, vielleicht erleben wir hier gerade mit, wie sich Inspiration für ein weiteres Werk bildet…



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 08.06.2018 - 13:58
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
«« Der vorhergehende Bericht
Chinabooks präsentiert: âDer freie Vogel fliegtâ
Der nächste Bericht »»
Comic-Journalismus digital