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George Herriman, Krazy Kat und die „boxing color line“

Zügeln wir das Pferd von hinten auf. Um dahinter zu kommen, was die Comicfigur Krazy Kat mit der US-Amerikanischen Boxerszene Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun hat, wirft Dr. Daniela Kaufmann im Filmmitschnitt zunächst einen Blick auf die „color line“. Das war der inoffizielle Name für die „imaginäre“ Rassengrenze in den USA, also die Trennung von hell- und dunkelhäutigen US-Amerikanern seit Aufhebung der Sklaverei. Von dieser war auch George Herriman betroffen. Heute kann man nicht mehr genau sagen ob seine Eltern kreolischer oder griechischer Abstammung waren, aber faktisch wurde die Familie in den Südstaaten wegen ihrer etwas dunkleren Hautfarbe nicht ebenbürtig behandelt, so dass die Familie nach Kalifornien zog und auf diese Weise irgendwie dem Verdacht auf „dunkelhäutige Vorfahren“ entkam.

Herriman kannte also die Schwierigkeiten, die man als dunkelhäutiger Mensch in den USA hatte. Vielleicht schoss er sich in seinen Zeitungscomics deshalb auf die „boxing color line“ ein? Im Boxsport waren zunächst nur weiße Kämpfer vertreten, aber als zunehmend dunkelhäutige Kämpfer nicht nur erschienen, sondern auch erfolgreich wurden, begann eine umfangreiche Diskussion in der amerikanischen Szene, denn: Aufgrund der „color line“ wollten die meisten hellhäutigen Boxer nicht mit dunkelhäutigen kämpfen, vor allem nicht um Titel, und ganz besonders nicht um die Weltmeisterschaft. Man kann sich denken, warum.

Dadurch entbrannte eine lange und öffentliche Diskussion zu dem Thema. Herriman zeichnete zahlreiche Karikaturen und Comics dazu, die in Zeitungen veröffentlicht wurden, und schlug sich dort ganz klar auf die Seite der dunkelhäutigen Boxer. Diese zeichnete er oft nach einem gewissen Schema, mit einem schwarzen Gesicht (bzw. Körper) und einer weißen Fläche um den Mund herum. Dies hatte, so legt es Dr. Kaufmann nahe, Bezüge zur Institution der „Black Minstrels“: Diese hellhäutigen, aber zu dunkelhäutigen Menschen umgeschminkten Schauspieler, erfüllten die Rolle des naiven, lustigen Narren, der (je nach Interpretation) die ungezügelte Lust, die Narrenfreiheit oder den „minderwertigen Dunkelhäutigen“ personifizierte. Diese Figuren hatten schwarze Gesichter, eine helle Mundpartie und trugen meist weiße Handschuhe. Als „Jim Crow“ waren sie der Archetypus des wilden, naiven Schwarzen.

Herriman begleitete den Streit der Boxer dauerhaft mit Karikaturen zu dem Thema, und stellte hin und wieder den schwarzen Boxer auch etwas „Katzenhaft“ dar, wie ein Haustier zum Beispiel. Und hier kommen wir nun zurück zu Krazy Kat, in deren Figur und Darstellung man vor diesem Hintergrund eine recht große Ähnlichkeit zu den schwarzen Boxern in Herrimans Comics erkennen kann. Auch Krazy Kat ist schwarz mit einer hellen Gesichtspartie, und auch die Slang-geprägte Redeweise der dunkelhäutigen Boxer und der Katze sind sich sehr ähnlich.

Spannend wäre es jetzt, einer Frage aus dem Publikum nach dem Vortrag nachzugehen, ob möglicherweise die Darstellung von Micky Maus vielleicht auch durch die Black Minstrels geprägt sein könnte – schließlich ist sie auch schwarz mit weißer Gesichtspartie, und trägt ab einem Zeitpunkt sogar die weißen Handschuhe….

Und die Boxer-Diskussion? Sie endete damit, dass aufgrund des großen öffentlichen Drucks der damalige Weltmeister endlich einwilligte, gegen seinen schwarzen Herausforderer anzutreten. Und verlor. Somit trat der erste dunkelhäutige Boxweltmeister auf den Plan und prägte damit den Boxsport, und vielleicht ein bisschen auch die öffentliche Wahrnehmung der „color line“.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 14.06.2018 - 00:08
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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