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Comic-Besprechung - Modotti: Eine Frau des 20. Jahrhunderts

Geschichten:

Modotti: Eine Frau des 20. Jahrhunderts

Autor / Zeichner: Angel de la Calle



Story:
Tina Modotti wurde 1896 als Kind armer Eltern in Italien geboren. Noch als Kind wanderte sie mit ihren Eltern nach Amerika aus, wo sie in einer Kleiderfabrik arbeitete. Schon hier wurde sie auch als Modell eingesetzt, was ein Sprungbrett für eine kurze Karriere in Hollywood wurde. Schließlich wurde sie mit dem berühmten Fotografen Edward Weston bekannt, dessen Geliebte, Modell und Schülerin sie wurde. Gemeinsam bereisten sie Mexiko, zu deren kultureller Elite Modotti alsbald gehörte. Aber auch politisch wurde sie immer mehr aktiv. So schloss sie sich der kommunistischen Partei an. Ihr wechselhaftes Leben führte sie schließlich auch nach Deutschland, in das revolutionäre Russland und in den spanischen Bürgerkrieg. Der Kreis sollte sich in Mexiko schließen.

Meinung:

Wenn es eine Frau wahrlich verdient hat, eine Biographie zu bekommen, so ist es Tina Modotti. Sie führte ein Leben, das kaum zu glauben ist und man versucht ist, zu sagen, dass könne sich nur ein Hollywooddrehbuchautor auf Speed ausdenken. Nicht nur war Modotti Muse, Modell und Geliebte berühmter Männer und beeinflusste so die Kunst, sondern sie war auch selber eine berühmte Künstlerin, deren Fotografien noch heute im New Yorker Museum of Modern Art hängen. Zudem war sie aktive Kommunistin, Spionin, eine frühe Feministin (sie war die erste Frau, die in Mexiko eine Hose trug) und Kriegsteilnehmerin. Ein Leben also, das voll ausgeschöpft wurde. Italien, USA, Mexiko, Deutschland, Russland, Frankreich, Spanien, wieder Mexiko: alle diese Länder waren zu einer Zeit ihr Wohnort. Und hat sie nicht schon genug eigene Abenteuer und Verwicklungen gehabt, so wurde etwa ihre große Liebe in ihrer Gegenwart ermordet, so kannte sie auch so ziemlich alle berühmten Künstler der damaligen Zeit oder hat sie zumindest einmal getroffen.

So wimmelt diese biographische Graphic Novel auch von kulturellen Referenzen und fast alles was damals Rang und Namen hat tritt auf: Frida Kahlo, Diego Rivera, Edward Weston natürlich, Sergei Eisenstein, Leo Trotzki, Ernest  Hemingway, Ezra Pound, Anna Seghers, Walter Benjamin, Andre Gide, Andre Malraux und noch viele mehr. Es gibt also wohl kaum eine Frau, die so viele Berühmtheiten kannte oder traf und selbst so ein abenteuerliches Leben voller Arbeit, Freude, Aktivität und Leid gehabt hatte. Da sie eine berühmte, anerkannte und geschätzte Künstlerin war, ist es kaum zu fassen, dass sie schon kurz nach ihrem recht frühen und geheimnisvollen Tod in Vergessenheit geraten ist.

Die Graphic Novel von Angel de la Calle strotzt aber nicht nur vor kulturellen Referenzen indem die Berühmtheiten direkt auftreten, sondern zitiert auch auf graphische Art und Weise die Artefakte. So liefert er seine Version der Bilder Riveras und zeichnet in einem Panel Frida Kahlo wie sie sich selbst in ihrem berühmten Selbstportrait.

Zunächst mag es verwirren, dass Calle keine chronologische Herangehensweise wählt und die Kindheitsaspekte und Hollywooderfahrungen von Modotti in dem Band schon eher versteckt. Andererseits hat das seinen Reiz, denn der Autor tritt selber auf und schildert seine Herangehesweise an Modotti, seine erste Bekanntschaft mit dieser faszinierenden Frau und wie er nach und nach die Schichten der Vergangenheit entblösst. Gleichzeitig wird thematisiert, wie sehr eine historische Betrachtung zu Theorien und nachträglichen Deutungen einlädt. So stellt er Thesen über Modottis Tod auf und wer wohl ihre große Liebe, einen kommunistischen Funktionär, ermordet habe. Gleichzeitig macht er deutlich, dass er es nicht lösen kann. So wird Geschichte zur Anregung der Phantasie und zur Projektionsfläche. Besonders in der letzten, schönen Szene, in der ein gewisser Abschied genommen wird, wird aufgezeigt, wie sehr Geschichte lebendig sein kann.

In einem kleinen Nebenstrang wird der Zusammenhang, die Verflechtung von Kunst und Politik untersucht. Calle und sein Mitstreiter, der Schriftsteller Paco Ignacio Taibo, sind nicht nur die Gründer und Organisatoren der berühmten Semana Negra, eines Kulturfestivals mit Schwerpunkt auf Kriminalliteratur, sondern auch politisch aktiv und mischen sich gerne ein. Besonders in den Jahrern 1920 bis 1950, sehr grob umrissen, waren die Künste kaum von Politik zu trennen. John Dos Passos und Upton Sinclair etwa haben mit ihren Werken immer auch politische Wirkung zu erzielen veruscht. Ebenso Rivera mit seinen Bildern und Eisenstein mit seinen Filmen. Das sind nur einige wenige Beispiele. Calle findet es schade, dass diese Kombination heutzutage nur noch wenig vorkommt und eine Massenkultur alle diese Aspekte ausblendet. So ist es wohl zu verstehen, dass in zwei sehr ironischen, ja geradezu satirischen, Szenen Superman und Batman als zwei alte Männer sich in benachbarten Hotelzimmern streiten. Calle wird Zeuge, wie diese alten Heroen sich in ihren Ideologien verzetteln (was ja auch in den Originalserien häufiger vorkommt). Nur sind hier diese Ur-amerikanischen Helden Stalinist (Superman, der ja auch als Bauernsohn aufwuchs; eben ein Kind eines Arbeiter- und Bauernstaates) und Trotzkist (Batman). Das widerspricht total den Ursprüngen der Helden, deren Schaffung eine deutliche Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg war. In einem berühmten Heft schnappt sich Superman ja sogar Hitler und Stalin und bringt sie vor Gericht. Diese beiden Ikonen in eine politisch widersprechende Position zu stecken, ist provokant und verwirrend, stellt die beiden Figuren aber als Inbegriff der politisch neutralen Massenkultur unserer Zeit heraus. Diese Neutralität war zu der Zeit von Modotti undenkbar. Dieser Kontrast ist faszinierend.

So faszinierend das Leben und Wirken dieser Frau ist, so ist es doch erstaunlich, dass sich bei dem Leser kaum Emotionen einstellen wollen. Calle erzählt sehr sachlich und erklärt fast nichts. Er äußert Überlegungen und macht dieses auch klar (etwa warum Modotti nach ihrem Aufenthalt in Moskau nie wieder eine Kamera anfasste), aber durch die mangelnen Erläuterungen bleibt der Charakter etwas fremd und eine Identifikation mit der Frau und eine Empathie wird dadurch nicht hergestellt. Das bringt stellenweise eine gewisse Sprödigkeit in die Erzählung. Zudem sind die Bilder manchmal etwas zu klein und stilisiert gehalten, so dass das Erkennen der vielen Personen manchmal anstrengend wird. Aber ein so pralles Leben macht es unmöglich den Band aus der Hand zu legen.



Fazit:
Ein Leben wie das der Tina Modotti hält man kaum für möglich. Und doch war es voller Abenteuer, Kunst, Liebe, Sex, Politik und Tragik. Künstlerin, Schauspielerin, Modell, Muse, Geliebte, Spionin und Revolutionärin: sie war alles und kannte oder traf so gut wie jede Berühmtheit der zwanziger bis vierziger Jahre. Die pralle Comicbiographie bleibt nicht bei ihrem Leben verhaften, sondern schildert auch die Annäherung des Autors und die Verflechtung von Kunst und Politik. Manchmal etwas zu sachlich und damit spröde erzählt, ist es dennoch faszinierend.

Modotti: Eine Frau des 20. Jahrhunderts - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Modotti: Eine Frau des 20. Jahrhunderts

Autor der Besprechung:
Jons Marek Schiemann

Verlag:
Rotbuch

Preis:
€ 16,95

ISBN 10:
978-3867891370

ISBN 13:
978-3867891370

272 Seiten

Positiv aufgefallen
  • Sujet
  • Charakter aus Vergessenheit geholt
  • kulturelle Referenzen
  • inhaltliche Nebenstränge
Negativ aufgefallen
  • manchmal zu sachlich
  • kaum Identifikationsmöglichkeiten
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Rezension vom: 03.11.2011
Kategorie: One Shots
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