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Comic-Besprechung - Berlin - Gesamtausgabe

Geschichten:

Steinerne Stadt

Bleierne Stadt

Flirrende Stadt 

Text und Zeichnungen: Jason Lutes



Story:
Gerade erst hat Lutes seine Berlin-Trilogie nach schlappen 15 Jahren abgeschlossen und schon präsentiert uns Carlsen die Gesamtausgabe. Da stelle ich mir zunächst die Frage, muss ich mir die nun wirklich kaufen? Ich hoffe wir werden es zusammen rausfinden.
Vorab: In „Berlin“ erzählt Jason Lutes die Geschichte der jungen Studentin Marthe Müller und des Journalisten Kurt Severing in den Wirren der Weimarer Republik. Eindringlich, detailliert und historisch fundiert berichtet Lutes von den Ereignissen am Vorabend des „Dritten Reichs“. Er schildert die heftiger werdenden Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, und beschreibt uns die Stadt wie ein Pulverfass. Lutes lässt seine Geschichte im September 1928 beginnen und beschließt sie im Januar 1933.



Dieser Comic wurde mit dem Splash-Hit ausgezeichnet Meinung:
In der Regel beginne ich meine Rezensionen nicht mit der Vorstellung der Aufmachung des Comic. Davon muss ich bei der Gesamtausgabe von Berlin aber abweichen, denn der Band ist ein echter Brocken. Im Format 19,8 x 26,5 cm ist er entscheidend größer als die drei Einzelbände und damit ist mehr Platz für die Panels. Endlich kommt der feine Strich von Lutes gebührend zum Ausdruck. Die über 6 cm dicke Ausgabe sorgt dafür, dass der Leser einen echten Comicblock in den Händen hält. Vielleicht nicht unbedingt fürs Lesen im Bett geeignet, dafür aber auf dem gemütlichen Lesesessel. „Ein opus magnum im wahrsten Sinne des Wortes, eine Sinfonie der Großstadt. Eie Comic-Sinfonie“. Dieses Zitat von Volker Kutscher, dem Autor der Gereon Rath-Krimis („Der nasse Fisch“ etc.) prangt völlig zurecht auf der Titelseite.
Neben dem großen Format gehören auch das Vorwort von Kutscher, sowie ein nachgestellter Text von Lutz Göllner, der uns mitnimmt auf einen Spaziergang zu den realen Orten der Handlung zu dem erwähnenswerten redaktionellem Zusatzmaterial. Ein Interview mit Lutes, Skizzenmaterial und ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden das sehr gute Erscheinungsbild des Bandes ab.
Nun aber erstmal hinein in den Comic:
Charleston, Ausgelassenheit und Aufbruchstimmung prägen rückblickend oft das Bild Berlins in den so genannten "Wilden 20er Jahren" als eine turbulente, quicklebendige, rotzfreche und zeitkritische Epoche. Der Berliner Sänger Paul Graetz beschreibt in dem Lied "Heimat Berlin" die Metropole an der Spree anders: "Hier kläfft' s Hurra! Hier äfft der Mob./Dass Jift und Jalle speitl/Revolver in der Hand, mit' m Helm auf 'm Kopp!/Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit": Auf der einen Seite das Vergnügen und auf der anderen Seite der tägliche Kampf ums Überleben: Berlin in den zwanziger Jahren, eine Stadt der Gegensätze. In dem Comicroman "Berlin" widmet sich Jason Lutes der dunklen Seite der Stadt, der Armut und dem politische Chaos. Die Leichtigkeit geht verloren, es dominiert die Resignation.
Lutes konstruiert mit „Berlin“ eine Sinfonie, wie Kutscher völlig zurecht behauptet, die sich im Wesentlichen um drei Personen dreht: Gudrun Braun, Kurt Severing und Martha Müller. Während sich aber Kurt Severing und Martha Müller bereits in den ersten Panels kennen lernen und sich im Laufe des Romans weiter annähern, muss sich Gudrun Braun als allein erziehende Mutter einsam durch die Wirren der Zeit kämpfen. Gerade in der Darstellung des Überlebenskampfes der Frau zeigt Lutes viel Kenntnis von der Situation und Liebe fürs Detail. Betrachtet man ihre Mimik und ihre Gesichtszüge, kommt man zu dem Schluss, dass Lutes die ganze Ausweglosigkeit der Menschen in sie hineinprojiziert. Er charakterisiert Gudrun als jemanden, dessen Handeln durch kein politisches Lager beeinflusst wird, sondern deren Taten vom urmenschlichen Überlebenstrieb bestimmt werden.
Es ist erstaunlich, dass Lutes erst rund ein Jahr nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe von "Berlin" sich selbst vor Ort einen Eindruck von der Stadt verschafften kann. Dass es ihm dennoch gelingt, ein authentisches Bild einer Stadt und ihrer Zeit zu zeigen, darf als eine große Leistung betrachtet werden. Der Leser merkt den Zeichnungen Lutes an, dass er schon früh in Berührung mit europäischen Comics kam: Hergé und Vittorio Giardino zählen zu seinen großen Vorbildern.
Als sie den Arbeiter Otto kennen lernt, schließt sie sich zwar den Kommunisten an, allerdings weniger aus Überzeugung, als vielmehr aus dem Glauben, durch sie an eine Arbeit zu kommen. Denn auf Ottos Frage, ob sie Kommunistin sei, antwortet Gudrun, dass sie nicht wüsste, was sie sei. Sie wisse lediglich, dass sie eine neue Arbeit benötige. 
Es ist kein Wunder, dass Scott McCloud in seinem Band "Comics neu erfinden" auch immer wieder den Comicroman von Lutes zitiert, denn der amerikanische Künstler erzählt seine Geschichte auch abseits der Panels weiter. So steht der tragische Tod von Gudrun während der Maidemonstrationen exemplarische für den Verlust der politischen Unschuld in Berlin Ende der zwanziger Jahre.
Lutes stellt an einigen Stellen Bezüge zu real existierenden Personen her. An manchen Stellen macht es die Logik der Geschichte notwendig, an anderen Stellen scheint es ihm aber auch einfach Spaß gemacht zu haben, mit historischen Realitäten zu arbeiten. Da Kurt Severing beispielsweise Journalist für die Weltbühne ist, ist es schon fast zwingend erforderlich, dass auch von Ossietzky, der Herausgeber der Zeitschrift, auftritt. Einen weiteren Kurzauftritt hat auch Joachim Ringelnatz. Und bei den Feiern zum 1. Mai 1929, die immerhin das gesamte achte Kapitel des Buchen einnehmen, darf natürlich Joseph Goebbels nicht fehlen, der eigens von Adolf Hitier in das rote Berlin geschickt wurde, um die Stadt auf die Linie der Nationalsozialisten zu bringen .
Besonderes Vergnügen scheint Lutes die Verbindung von klassischer Kunst und Comics gemacht zu haben. Mit Martha Müller schlägt er eben diese Brücke zur Kunst, da sie nach Berlin kommt, um bei Otto Dix Kunst und Malerei zu studieren. Die Darstellung einer Unterrichtsstunde bei Dix, seine herablassende Art im Umgang mit den Studenten und dem ModelI, sorgt bei Lesern, denen der Charakter des Malers nicht ganz fremd ist, für Vergnügen. Neben diesem augenzwinkernden Blick gelingt es Lutes, die Kunstgeschichte, und hier speziell den Expressionismus, mit in sein Werk einzuarbeiten. So wird Martha Müller durch ihre Mitstudenten mit „Mein Stundenbuch“ von Frans Masereel konfrontiert. Der Belgier hat in diesem 1919 erschienenen Werk in einer Reihe von 167 Holzstichen eine Art expressionistischen Comic geschaffen. Lutes scheint von der Darstellung in „Mein Stundenbuch“ so angetan, dass viele Panels in "Berlin" stark an Masereels Werk erinnern.



Fazit:
Zu beginn stellten wir uns die Frage, dass gerade erst  die Trilogie abgeschlossen wurde, und ob ich mir da nun die Gesamtausgabe kaufen muss? Ein unbedingtes Ja! Größeres Format, redaktionelle Seiten und eine faszinierende Geschichten sind ausreichend Gründe. Der band gibt endlich den Dingen Raum, die in den drei Softcover-Einzelbänden zu kurz kamen. Die Gesamtausgabe von „Berlin“ wird zum Hingucker im Regal und definitiv keinen Staub ansetzen.



Berlin - Gesamtausgabe - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Berlin - Gesamtausgabe

Autor der Besprechung:
Bernd Hinrichs

Verlag:
Carlsen

Preis:
€ 46

ISBN 13:
978-3-551-76820-9

608 Seiten

Positiv aufgefallen
  • Großes Format
  • Fesselnder Plot
  • Faszinierendes Artwork
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
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Rezension vom: 25.02.2019
Kategorie: Alben
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