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Batman durch den Schredder
Batman durch den Schredder
Den Befund des Deutschen teilten im Grundsatz alle Insider, die ich auf meiner Recherche zum Thema befragt habe. Umstritten blieb der Zeitpunkt des Niedergangs. Während die einen von klaren Negativtendenzen in den Siebzigerjahren sprechen, als die Errungenschaften des «Silver Age» mit einer Überproduktion an Ramsch fahrlässig gefährdet wurden, sehen andere den wahren Niedergang in der zweiten Hälfte der Achtziger. «Das Schlüsseljahr», sagte mir Platthaus, «war 1986, ein letztes Aufbäumen der ausgepowerten Branche. Nachher gings im freien Fall bergab.» 1986 war das Jahr, als der US-Zeichner David Miller mit «Dark Knight» den «Batman»-Mythos durch den Schredder schickte. Zum ersten Mal wurde der Vigilant nicht als melancholischer Gutmensch gezeichnet, sondern als faschistoide Ruine. Der Erfolg war so gross, dass langjährige Nichtleser zum Genre zurückkehrten. Hollywood adaptierte die Figur daraufhin für mehrere Filme. Etwas weniger bekannt, aber nicht minder brillant war der Zwölfteiler «Watchmen» des englischen Autors Alan Moore. In dieser Serie ging es um eine Veteranenrunde pensionierter Superhelden, die im Ruhestand noch einmal eine tödliche Gefahr bestehen mussten. Auch hier lief die Wiederbelebung der Gattung im Grunde auf eine Demontage hinaus. Die Fans waren begeistert, aber was sollte nach diesen düsteren Fantasien noch folgen können?

Man will ja vorsichtig sein mit kulturpessimistischen Befunden, aber eine Umfrage bei Szenekennern hat Niederschmetterndes ergeben. Kuno Affolter, in Lausanne tätiger Comicexperte, erzählte mir am Telefon von der zunehmenden Hermetik des Superheldengenres, die für einen Uneingeweihten nicht mehr zu durchdringen sei. Der Zürcher Biologe und Informatiker Thomas Kovacs, «Spider-Man»-Anhänger der ersten Stunde und ein Sammler, der in seinem Keller die beneidenswerteste Kollektion an Marvel-Originalen stapelt, die ich jemals zu Gesicht bekam, seufzte matt, als ich ihn nach der zunehmenden erzählerischen Verwahrlosung des Superheldentums befragte: «Früher hat man bei den Kämpfen weitergeblättert, weil die Figuren so spannend waren. Heute sind die Hefte voller Krawallohne Handlung.» Das brutalste Fazit zieht Gerard Jones, Comicautor und -theoretiker, in seinem Standardwerk «The Comic Book Heroes» (1997): «Wer heute nach Superheldencomics sucht mit Geschichten, die wirklich gelesen sein wollen, wird leer ausgehen. Er wird reihenweise Covers finden, alle auf Glanzpapier gedruckt und düster schimmernd, voll gepflastert mit wütenden Steroidfällen, die sich in rasenden Schlachten gegen geifernde Feinde verausgaben, visuell beeindruckend, aber ohne auch nur einen Hauch von erzählerischem Gehalt und Charakterentwicklung.»

Es muss vor diesem Hintergrund erstaunen, wenn amerikanische Comicfirmen und Filmverleiher nun plötzlich von einer Wiedergeburt des Genres sprechen. Anlass zur Euphorie gibt der Film «X-MEN» von Bryan Singer, der auf dem gleichnamigen Marvel-Comic beruht, der in den Sechzigerjahren von Stan Lee und Jack Kirby erfunden, zwischendurch auf Eis gelegt und von einer Reihe neuer Autoren ab 1975 mit internationalem Grosserfolg neu lanciert wurde.

Die «X-Men» sind eine Truppe jugendlicher Mutanten, die von einem querschnittgelähmten Professor zusammengehalten und ausgebildet werden. Unter ihnen finden sich so rätselhafte Charaktere wie Cyclops, der mit der Energie seiner Augen ganze Häuserzeilen in die Luft fliegen lässt. Ihm zur Seite stehen Dr. Jean Grey, eine Wissenschafterin, die über die Gabe der Telekinese verfügt. Wolverine ist ein mürrischer Einzelgänger, dessen Selbstheilungskräfte derart ausgeprägt sind, dass man ihm ein Metallskelett einbaute, das an den Handknöcheln messerscharfe Krallen durch die Haut schiesst, ohne dass sich dabei der Superheld dauerhaft verletzt. Im Comic wird das X-Men-Team von zahlreichen anderen Figuren besetzt, im Film ist lediglich noch Storm zu sehen, eine dunkelhäutige Schönheit, die mit der Kraft ihres Geistes Naturgewalten heraufbeschwören kann.

Die Hefte waren bei den Fans derart beliebt, dass sie in den USA während der Achtzigerjahre zu astronomischen Auflagen in der Höhe von mehreren Hunderttausend Exemplaren führten. Bryan Singers «X-MEN» spielten am ersten Wochenende die Rekordsumme von 57 Millionen Dollar ein.


Special vom: 04.03.2001
Autor dieses Specials: Roger Kppel (Text) und Vera Hartmann (Fotos)
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Kannibalistische Rituale
Und dann kam Spider-Man
Einsamkeit und Depressionen
Empathische Rüsselmenschen
Stan - The Man - Lee
Im Büro bei Stan Lee
Ich habe es einfach ausgespuckt
Drei Gründe für den Niedergang
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