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Comic-Besprechung - SZ Bibliothek Graphic Novels 7: Vertraute Fremde

Geschichten:

Originaltitel
Harukana Machi-E

Autor/Zeichner: Jiro Taniguchi



Story:

Hiroshi Nakahara steigt im Bahnhof von Kyoto aus Versehen in den falschen Zug und fährt in seine ehemalige Heimatstadt. Seit Jahren war er nicht mehr dort gewesen und alles hat sich so sehr verändert, dass seine Erinnerung kaum Ankerpunkte finden kann. Lediglich den Friedhof auf dem seine Mutter begraben wurde, findet er nahezu unverändert vor. Er kniet vor dem Grab nieder und fällt plötzlich in eine Ohnmacht. Er erwacht als 14-jähriger, es ist wieder das Jahr 1963. Zuerst mag er die Veränderung nicht glauben, aber schon bald findet er sich wieder in seiner Vergangenheit ein und beginnt sein jugendliches Leben auszukosten. Damit einher beginnen alte Fragen aufzutauchen. Warum verließ der Vater die Familie plötzlich und kehrte niemals mehr zurück? Und kann es Hiroshi jetzt, wo er um das Vergangene weiß, vielleicht sogar verhindern?




Meinung:
Die Reise beginnt in Kyoto, der alten Kaiserresidenz. Hiroshi Nakahara war auf Geschäftsreise und müsste sich eigentlich auf den Weg nach Hause machen. Stattdessen verirrt er sich auf dem Bahnhof von Kyoto und landet im falschen Zug. Ein Umweg, der in auf direktem Wege zurück in seine Vergangenheit führen wird.

Was die SZ-Edition versucht zu zeigen, dass Comics auch anspruchsvolle Themen transportieren können, ist in Japan längst Allgemeingut. Dort fristen graphische Erzählungen kein Schattendasein in der Kinderecke, sondern sind literarische Werke und Ausdruck einer Neunten Kunst. Diese Kunst beherrscht Jiro Taniguchi in beeindruckender Perfektion. Taniguchi, ein bekannter Mangaka, der für seine Werke bereits viele Preise verliehen bekam, begann seine Karriere mit Krimi- und Samuraierzählungen. Doch mit der Zeit, auch unter dem Einfluss frankobelgischer Comics, veränderte er seinen Stil und widmete sich anderen Sujets. Vertraute Fremde ist ein hervorragendes Beispiel für diese Hinwendung zu ruhigeren Themen, der Beobachtung des Alltäglichen und der Vermischung von östlichen und westlichen Stilen.

Der Manga erzählt die umgekehrte Geschichte von dem Mann, der sich kurz schlafen legt und als Greis in einer anderen Zeit erwacht. Die Hauptfigur, der Architekt Hiroshi Nakahara, fällt vor dem Grab der Mutter in einen Schlaf und erwacht wieder im Körper seines 14-jährigen Selbst. Sein Körper ist plötzlich leichter und fühlt sich anders an. Er steckt in einer Schuluniform und die ganze Welt scheint sich einen Schritt zurück in die Vergangenheit bewegt zu haben. Ist er etwa Teil eines Traums?

Bald muss er erkennen, dass dieser Traum eigentümlich real ist. Es beginnt eine Reise in Hiroshis Jugend, die ein wenig in das Japan des Jahres 1963 führt, aber vor allem in die Welt eines Menschen, dem es vergönnt ist seine Vergangenheit neu zu erfahren, indem er seine Kindheit noch einmal durchlebt. Vielleicht löst er dabei auch endlich das Rätsel, welches seinen Vater umgibt, der eines Tages nicht mehr von der Arbeit wiederkam und verschollen blieb. Als Erwachsener im jugendlichen Körper hat er jetzt jedoch eine ganz andere Perspektive und kann Dinge hinterfragen, die er als 14-jähriger für selbstverständlich nahm. Denn obwohl er sich in seiner eigenen Vergangenheit befindet, ist diese Zeit für ihn zu einer fremden geworden.

Jiro Taniguchis ruhige und flüssige Erzählweise kann schnell darüber hinwegtäuschen, welch fundamentale Fragen in seinen alltäglichen Darstellungen verborgen sein können, Fragen nach dem richtigen Leben und dem wahren Glück. Man gerät selbst ins Grübeln darüber, was man in einer solchen Situation, wie derjenigen, in der sich der Hauptcharakter befindet, tatsächlich anstellen würde. Mit der reife des Alters entfallen die üblichen und im nachhinein meist oberflächlichen Anstrengungen und Mühen der Jugend und das Wissen um die eigene Zukunft gibt eine einmalige Sicherheit. Wer würde nicht, wie Hiroshi Nakahara, die Zeit so gut wie möglich auskosten wollen, die Jugend bewußt genießen und sie nicht für selbstverständlich nehmen oder ewig anhaltend wähnen.

Würde sich Vertraute Fremde darin erschöpfen, würde der Manga wohl recht bald langweilig und eintönig werden. Aber unter die Euphorie dieses quasi Neuanfangs mischen sich auch dunklere Töne, die dazu führen, dass Hiroshi sich selbst und seine Familie hinterfragen muss. Vorher nie wahrgenommene Ungewissheiten stellen sich ihm in den Weg, Zweifel beginnen sein Bild von der Vergangenheit zu durchdringen und verunsichern womöglich sogar die Gewissheiten des Lesers über Vergangenes. Weiß man wirklich alles über die eigene Familie? Wie lernten sich Vater und Mutter eigentlich kennen? Welche Hoffnungen und Ziele teilten sie und was sind ihre unversöhnlichen Gegenpole. Allzu bald muss Hiroshi hinter den Vorhang seiner harmonischen Familie blicken, vormalige Selbstverständlichkeiten abwerfen und indem er sich seinen neuen Erkenntnissen stellt, auch seine eigene Lebensweise hinterfragen. Als Mann im Kinde und dank seines Wissensvorsprungs in Form seiner Erinnerungen gelingt ihm vielleicht, was einem als Jugendlichen stets nur bedingt gelingen will: Selbstreflexion.

Was sind die Ursachen, die zu seines Vaters Weggang führten? Kann er den Ereignissen einen anderen Verlauf geben? Vielleicht sogar verhindern, dass sein Vater einfach alles zurück lässt? Gelingt es ihm überhaupt wieder in seine Zeit zurück zu kehren? Und da er bereits begonnen hat seine eigene Vergangenheit zu ändern, wird die Welt in die er dann zurückkehrt noch dieselbe sein, die er kannte? Für Hiroshi Nakahara steht viel auf dem Spiel und ob er den Wettlauf gegen längst vergangene Ereignisse gewinnen kann, bleibt in jedem Moment des Mangas unklar. Die Spannung von Vertraute Fremde entsteht aus diesen Unterströmungen, die den Leser trotz der unaufgeregten Erzählung einfach in ihren Bann schlagen. Wunderschöner könnte man Understatement wahrscheinlich gar nicht präsentieren. Jiro Taniguchi ist tatsächlich ein Meister seines Faches.

Zu der edlen Aufmachung mit Lesebändchen kommen ein ausführliches Vorwort von Klaus Schikowski, in dem auf die Hintergründe des Werkes eingegangen wird sowie eine Kurzbiographie von Jiro Taniguchi am Ende. Auch preislich macht der Band nichts falsch und wer mehr vom Zeichner kennen lernen möchte, kann ruhig einen Blick zum Carlsen Verlag riskieren, der einige weitere Mangas von Jiro Taniguchi veröffentlicht hat.


Fazit:

Eine ausgezeichnete Graphic Novel, die auch nach dem Lesen noch lange nachklingt. Die wunderschönen und detaillierten Zeichnungen schwelgen im Moment und tragen die Handlung sanft voran. Ein unaufgeregtes, manchmal poetisches Vergnügen, welches einen nachdenklich stimmt. Comickunst par excellence!



SZ Bibliothek Graphic Novels 7: Vertraute Fremde - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

SZ Bibliothek Graphic Novels 7: Vertraute Fremde

Autor der Besprechung:
Alexander Smolan

Verlag:
Süddeutsche Zeitung GmbH

Preis:
€ 14,90

ISBN 13:
978-3-86615-873-3

408 Seiten

Positiv aufgefallen
  • hervorragende Zeichnungen
  • perfekte Mischung östlicher und westlicher Stile
  • unaufgeregte, fast poetische Geschichte mit Tiefgang
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
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Rezension vom: 09.04.2011
Kategorie: SZ Bibliothek Graphic Novels
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