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Comic-Besprechung - Prophecy 1

Geschichten:
Prophecy vol. 1
Autor/Zeichner:
Tetsuya Tsutsui

Story:
Das Netz, ein rechtsfreier Raum? Vielleicht in gewissen Sinne. Das Leben selbst ist es jedenfalls nicht, auch wenn so manche Tat ungesühnt bleibt, mag sie noch so gegen das Gerechtigkeitsempfinden verstoßen. In diese Lücke stößt der geheimnisvolle Paperman, der in regelmäßigen Abständen Vergeltungstaten ankündigt und diese auch durchführt. Dabei schreckt er vor Brandstiftung oder Misshandlungen nicht zurück. So etwas ruft natürlich die Staatsgewalt auf den Plan, die sich sofort an die virtuellen Fersen des geheimnisvollen Paperman setzt. Denn wenn auch die Taten im virtuellen Raum stattfinden, sie werden durch echte Menschen begangen. Doch was steckt hinter dem Paperman, was veranlasste ihn zu diesen Taten.


Meinung:
Tetsuya Tsutsui soll einen besonderen Hang zu den neuen Medien haben, wobei man schon wie ein Opa klingt, wenn man es "neue Medien" nennt. Es verwundert einen nicht, wenn man sich allein Prophecy 1 durchliest, den vor einer Weile beim Carlsen Verlag erschienenen neuen Manga, der bereits 2011 das erste Mal veröffentlicht wurde. Die Geschichte ist auf drei Bände angelegt, ebenso wie das zuvor herausgekommene Manhole vom selben Autor/Zeichner. Und bei weiterem Erfolg gibt es vielleicht auch irgendwann Poison City auf deutsch. Wer weiß, vielleicht wieder in drei Bänden?

Es wird nicht lange gefackelt. Die Online-Welt ist sofort präsent, denn man erwischt den Paperman auf den ersten Seiten, wie er gerade eine seiner Botschaften per Upload in die Welt schickt.

Zu Beginn liest sich Prophecy ehrlich gesagt wie ein GEZ-Werbeheft oder eher ein Infoheft des Bundesamtes für politische Bildung über die Gefahren des Internet. Das böse Internet mit all seinen Problemen. Cyberbashing, Shitstorms und Konsorten, es wirkt als sei die virtuelle Welt von Psycho- und Soziopathen beziehungsweise deren Mitläufern bevölkert. Liegt vermutlich daran, dass der Manga in der ersten Hälfte gänzlich die Perspektive der Cybercrime-Unit einnimmt. Auf der anderen Seite wird sicherlich extrem unterschätzt, wie schnell sich Dinge in der virtuellen Öffentlichkeit entwickeln, wie schnell sie eskalieren können. Ein falscher Tweet und schon kann sich die ganze Welt umdrehen. Der öffentliche Pranger ist schnell bei der Hand und im Schutz der Anonymität, die auch der Paperman in Prophecy für seine Zwecke nutzt, kann eine ganz eigene Dynamik losgestoßen werden, die Menschenleben zerstört.

Auch Paperman löst durch seine Aktionen eine immer größer werdende Welle aus. Mit einer aus einer Zeitung zusammengeschnittenen Maske schickt er anonym seine Ankündigungen ins Netz und geriert sich mit der Zeit als eine Art Robin Hood. Dem es zwar nicht um Geld, aber um Respekt und Anerkennung geht, die anderen Menschen vorenthalten wurde. Ein Unternehmen, welches in einen Lebensmittelskandal verwickelt war und trotz der Erkrankung vieler Menschen die Schuld von sich wies. Ein Mann, der sich eines Sexualverbrechens schuldig gemacht hat und die Verantwortung ungeniert auf das Opfer schiebt. Ein Arbeitgeber, der sich noch während eines Vorstellungsgesprächs über den stotternden Bewerber lustig macht. Sie alle sind im Visier des Paperman, der diese Akte nicht unbestraft lassen will.

Dabei fungiert er als Ankläger und Richter in einem und bekommt dafür immer mehr Zuspruch aus der Bevölkerung. So etwas sieht die Cybercrime-Unit, allen voran die szenenweise etwas überzogen dargestellte, teilweise schon missionarische (und ein ums andere mal selbstgerechte) Kommissarin Erika Yoshino, die in der Abteilung den Ton angibt. Sie schafft es gar, dass sich die Schlinge um Paperman immer weiter zuzieht, doch bald wird dien Identität des "Vigilanten" undurchsichtiger und die Einheit kann nicht mehr ausschließen, es mit mehreren Tätern zu tun zu haben.

Ab der zweiten Hälfte drehen sich die Zeiger auf der Uhr zurück. Eine Gruppe junger Männer bietet ihre Arbeitskraft Tag für Tag quasi auf einem offenen Markt an. Als modernes Sklaventum könnte man es bezeichnen, wohlwollender eine Rückkehr in die gute alte Zeit der Industrialisierung. Der Mensch beziehungsweise seine Arbeitskraft austauschbar, da die Tätigkeit nur reine Körperkraft benötigt. Und als Objekt wird er auch behandelt. Dort findet sich eine kleine Gruppe Männer unter dem Joch vereint, wenn auch nicht so etwas wie tiefe Freundschaft entsteht, so doch eine Kameradschaft der Abgehängten und Ausgestoßenen.

Schnell zeigt sich, wie sehr man Menschen erniedrigen kann und den selbstverständlichsten Respekt verwehrt. Es ist wieder eines dieser Schlüsselereignisse, welches eine Reihe von Handlungen bedingt, die auf einen ganz bestimmten Pfad führen. Der Zorn der Gerechten kehrt sich heraus und legt den Grundstein für den Mann mit der Zeitungsmaske.

So weit, so gut. Prophecy gibt sich sehr modern, wen auch manche Aspekte eher die japanische Kultur durchscheinen lassen, wo die modernen Medien einen ganz anderen Stellenwert haben. Man wundert sich, dass der Selfie-Stick nicht von einem Japaner erfunden wurde. Tetsuya Tsutsui betont allerdings, trotz der durchaus edlen Motive, gerade zu Beginn eher die negativen Effekte des Netzes oder besser gesagt der Nutzer, die sich der neuen Möglichkeiten bedienen. Auch wenn man immer von der Gefährdung durch das Internet ausgeht, es sind die Nutzer, die es zu dem machen, was es ist. Mit allen positiven, wie auch negativen Konsequenzen.

Die zweite Hälfte kontrastiert zu diesem technik-affinen Beginn sehr stark. Abhängige Landarbeiter/Bauarbeiter, denen vermutlich das Geld/die Zeit/die Kraft fehlt, um sich am täglichen virtuellen Strom zu beteiligen. Hier klafft die soziale Schere, hier sind diejenigen, die der technische Fortschritt zurücklässt. Die trotz aller Versprechen von Gleichheit und Wohlstand für alle, nicht abgeholt werden. Hier enttarnt sich die schöne neue Welt als Illusion der Privilegierten. Und wo derart die gesellschaftlichen Spannungen gären, genügt ein kleiner Funke - sogar aus gerechtem Zorn - der dann alles entzündet und das Leben von vier Männern für immer verändert.

Moralisch legt sich Tsutsui so nur scheinbar fest, da er beide Seiten der Medaille beleuchtet. Ganz neutral ist er dabei - bei aller Liebe zur Technik - nicht und betont gerade im ersten Part sehr die negativen Effekte. Band 2 wird zeigen, wohin sich der Macher mit seinem Manga bewegen wird. Zumindest hat man nicht wieder den nächsten Endlosmanga vor sich, sondern kann auf eine abgeschlossene Geschichte hoffen.

Wie so oft bei Mangas besticht auch Prophecy durch einen klaren Strich, der gerade die Technik in besonders detaillierten Maße darzustellen vermag. Ganz einfach iust es natürlich nicht, über Zeichnungen das hin und her der Online-Portale, Chatrooms und so weiter zu zeigen. Um die Darstellung längerer Textzeilen mit Kommentaren kommt Tsutsui nicht herum. Das ist dem gezeigten Medium geschuldet, doch er versucht sehr dies zum einen zu vermeiden, zum anderen das Ganze dynamisch aufzubrechen.


Fazit:
Prophecy nimmt sich eines aktuellen Themas an und platziert einen modernen Robin Hood in seine Geschichte. Die positiven Konnotationen vermeidet er jedoch, auch wenn das Anliegen des Mannes namens Paperman durchaus gerechtfertigt sein mag. Seine Mittel sind es möglicherweise nicht. Im Rahmen dieser Spannung versucht Tsutsui seine Handlung zu halten, wobei Band 1 gerade mal dazu dient, die Bühne zu bereiten. Es reicht, um gespannt auf die beiden Folgebände zu warten.

Prophecy 1 - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Prophecy 1

Autor der Besprechung:
Alexander Smolan

Verlag:
Carlsen

Preis:
€ 7,95

ISBN 13:
978-3-551-79801-5

226 Seiten

Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

Positiv aufgefallen
  • Manga mit modernem Thema
  • umstrittener Robin Hood im www
Negativ aufgefallen
  • moralisch etwas unschlüssig
  • hauptsächlich Introband
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
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Rezension vom: 28.03.2015
Kategorie: Mangas
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