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Comic-Besprechung - Jene Tage, die verschwinden

Geschichten:

Jene Tage, die verschwinden

Autor: Timothé Le Boucher

Zeichner: Timothé Le Boucher

Übersetzerin: Christiane Sixtus



Story:

Lubin Maréchal, ein junger Mann, stellt fest, dass er nur noch jeden zweiten Tag bei Bewusstsein ist. An den anderen Tagen hat offensichtlich eine andere Persönlichkeit von ihm Besitz ergriffen. Während er sich anfangs noch mit dieser Situation zu arrangieren weiß, entgleitet ihm allmählich die Macht über sein eigenes Leben, als der „Andere” langsam die Kontrolle ergreift und die Ausfälle immer länger dauern. Was tut man, wenn einem das eigene Leben entgleitet, wie fühlt es sich an, was empfinden die Freunde und Verwandten? Von all dem handelt dieses Buch.



Dieser Comic wurde mit dem Splash-Hit ausgezeichnet Meinung:

Eines vorweg: LESEN SIE NICHT DIE RÜCKSEITE DES BUCHES !! EXTREME SPOILERGEFAHR !!

Nein, im Ernst: es wird meiner Meinung nach ein bisschen zuviel verraten, lassen Sie sich einfach fallen und geniessen Sie diese fantastische Geschichte. Cross Cult veröffentlicht hier ein Werk von Timothé Le Boucher, das in Frankreich bereits im Jahr 2017 erschienen ist, und dort seitdem mehrere Kritiker- und Publikumspreise eingeheimst hat. Und das zu Recht. Le Boucher, Jahrgang 1988, begann seine Comic-Karrierre bereits 2011 im Alter von nur 23 Jahren mit „Skins Party” über das ungehemmte Partytreiben Jugendlicher und setzte seine Sozialstudien 2014 mit „Dans les Vestiares” (dt. etwa: „In der Umkleide”) mit einer Betrachtung des Mobbings in der Schule  fort, durchaus mit Tendenz zu „Der Herr der Fliegen” (William Golding). Und quasi als Krönung seiner Betrachtungen über zwischenmenschliche Beziehungen, unser Verhältnis zum Vergehen der Zeit, zur eigenen Identität und zur eigenen Erinnerung, was im Kern die Themen seiner Werke ausmacht, folgte dann „Jene Tage…”. Denn auch im vorliegenden Buch geht es um Fragen wie: wie geht man damit um, wenn einem Teile der Erinnerung, und damit natürlich auch Teile des eigenen Lebens fehlen? Wie lange kann man gelassen bleiben, ab wann reagiert man, vielleicht sogar unangemessen oder panisch? Wie wichtig ist die eigene Identität, und wie verhält man sich, wenn sie, oder ihre Integrität, bedroht wird? Und wie wichtig sind Freunde und Familie im Leben, wie erkennt man seine wahren Freunde, womit kann so eine Freundschaft dauerhaft belastet werden, und wann bricht sie zusammen? Und nicht zuletzt: wie fühlt man sich, wenn man augenscheinlich machtlos ist?

Dies alles sind große und ernste Themen, die le Boucher aber durchaus gekonnt aus ihrer Düsternis herausholt, sodass dies hier nicht die dunkle Psychostudie geworden ist, die sie hätte werden können. Nicht zuletzt durch seinen Zeichenstil, eine Art Nouvelle Ligne Claire, mit sehr feinem Strich und einer flächigen, recht bunten Kolorierung lässt er eher eine positive Stimmung aufkommen, sodass der Albtraum, den diese Erzählung ja im Prinzip verkörpert, im Wesentlichen durch die Geschehnisse selbst zum Ausdruck kommt. Und auch dieser Kontrast zwischen Zeichnung und Erzähltem ist meiner Meinung nach sehr interessant. Dabei gelingt es Le Boucher im Übrigen sehr gut, das Altern der Figuren darzustellen, was bei diesem Zeichenstil mit seinen wenigen Details durchaus nicht einfach ist. Natürlich im Wesentlichen durch Körperhaltungen und Haarfarben, aber er schafft es tatsächlich, auch die Physiognomie der Charaktere altern zu lassen.

Die Geschichte wird nicht direkt mit Leichtigkeit erzählt, das wäre auch unangemessen und würde hier nicht passen. Und doch spiegelt sie eine gewisse Lebensart wieder, jetzt nicht direkt das typische französische Laisser-faire, aber eine Haltung, die die bissige Note, den üblen Beigeschmack des Themas geschickt ein wenig abdämpft und den Leser so bei der Stange hält, man könnte sagen: trotz des ernsten Themas. Gefüllt wird die Basisgeschichte übrigens noch mit weiteren Zutaten, die zusätzlich eingestreut werden, und so den sozialkritischen Ansatz des Autors dabei noch weiter ausbauen und unterstützen: ganz nebenbei werden wir noch ganz überraschend, an Stellen, wo man damit vielleicht gar nicht gerechnet hätte, mit Themen wie Homosexualität oder Adoption konfrontiert, und auch das macht den Charme dieses Buches aus: auch wenn die Story bereits eine Weile läuft, und man denkt: „jetzt weiß ich wie es weitergeht” — nimmt sie doch immer wieder neue Wendungen, oder zumindest gibt es überraschende Einblicke in die Charaktere,  sodass man sehr gut unterhalten wird.



Fazit:

Die fantastische Umsetzung einer bizarren Story über einen Identitätsverlust der besonderen Art, neu, originell und absolut faszinierend. Zeichnerisch wie erzählerisch umwerfend gut umgesetzt, deshalb auch uneingeschränkt zu empfehlen!



Jene Tage, die verschwinden - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Jene Tage, die verschwinden

Autor der Besprechung:
Uwe Roth

Verlag:
Cross Cult

Preis:
€ 35,00

ISBN 10:
3986660275

ISBN 13:
978-3986660277

192 Seiten

Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

Positiv aufgefallen
  • Tolle Zeichnungen im Stil der Nouvelle Ligne Claire.
  • Souverän geführte Erzählung, die trotz des traurigen Themas nicht ins Düstere abdriftet.
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
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Rezension vom: 27.05.2023
Kategorie: Alben
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