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Comic-Besprechung - Alice Guy - Die erste Filmregisseurin der Welt

Geschichten:

Alice Guy - Die erste Filmregisseurin der Welt
Autor: José-Louis Bocquet, Zeichner: Catel Muller



Story:

1873 wird Alice Guy als Tochter des wohlhabenden Buchhändlers geboren. Nach Stationen einer bewegten Kindheit unter anderem in Südamerika ist sie nach dem Bankrott ihres Vaters gezwungen, Geld zu verdienen. Als eine der ersten Frauen überhaupt lernt sie Stenografie und ist eine der ersten Sekretärinnen Frankreichs. Als sie bei der Firma Gaumont anfängt, bekommt sie die technische Entwicklung hautnah mit, welche die Welt verändern wird; der Film. Mit Fleiß, Talent, Frechheit erkennt Guy die technischen, finanziellen und künstlerischen Möglichkeiten des neuen Mediums. Doch kann sie sich als Frau wirklich durchsetzen?



Meinung:

Die gleichnamige Graphic Novel beleuchtet die erste Filmregisseurin der Geschichte: Alice Guy. Sie war von Anfang an dabei und als Mitarbeiterin von Gaumont ganz nah an der Quelle der technischen Entwicklung der beweglichen Bilder und traf alle heute legendären Namen die mit der Filmgeschichte verwoben sind. Letztlich erkannte sie auch das finanzielle und künstlerische Potential des Films und begann selber Filme zu drehen. Damit ist sie die erste Regisseurin der Filmgeschichte, aber auch Produzentin, Drehbuchautorin, Schauspielerin und später Leiterin ihres eigenen Filmstudios. Und das alles zu Zeiten als Frauen nicht einmal das allgemeine Wahlrecht besaßen und vielerorts als Menschen zweiter Klasse galten. Eine beachtliche Leistung die dann auch von den meist männlichen Autoren der Filmgeschichte unterschlagen wurde oder ihre Filme schlicht männlichen Regisseuren zuschrieben. Erst in den 1960er Jahren wurde Guy bekannter und ihre Leistungen gewürdigt. Dem breiten Publikum ist der Name dennoch nicht geläufig und auch nur Filmhistorikern dürfte der Name etwas sagen.
Insofern liegt hier also ein sehr wichtiger Comic vor, der eine faszinierende Frau aus der Versenkung holt und sie würdigt. Das Verdienst des Kreativteams ist also hoch und sie haben nicht nur Fakten zusammengetragen, sondern auch selber recherchiert und sich auf die Spurensuche begeben, was man anhand der Kurzbiographien am Ende des dicken Bandes merkt.  

Da liegt aber auch der größte Nachteil. Zum einen an den Fakten und zum anderen beim Volumen. Ja, man gräbt die Fakten aus und die sind auch interessant und wirklich lobenswert. Aber der Charakter bleibt dann oberflächlich. War Alice Guy Feministin? An einer Stelle wird sie als Suffragette beschimpft (die Vorläuferinnen der Feministinnen), aber war sie eine? War sie ideologisch angetrieben und wollte sie die gesellschaftliche und wirtschaftliche Rolle der Frauen verbessern? Das wird nicht deutlich. Sie kam durch Frechheit, Können und Ehrgeiz zu ihrer Position. Dabei war sie vor allem aus wirtschaftlicher Not gezwungen gewesen, arbeiten zu müssen. Und man darf auch nicht vergessen, dass sie teils das Glück hatte, Männern zu begegnen die moderne Ansichten hegten. Das soll ihre Leistung nicht schmälern, beileibe nicht,  aber wenn sie nicht einen progressiven Firmenchef getroffen hätte, hätte sie niemals eine Stelle als Stenografin bekommen. Als eine der ersten Frauen überhaupt, wohlgemerkt. Ist ihr erstaunlicher Lebensweg also eher Zufall gepaart mit Talent oder mit einem Ziel versehen gewesen? Ein solcher Einblick in den Charakter fehlt hier.

Das hängt auch von dem Volumen des Bandes ab. Ja, er ist sehr umfangreich, aber dennoch kann man ein langes Leben, Alice Guy wurde 93, nicht auf knapp 400 Seiten zusammenfassen. So kann man nur Schlaglichter auf wichtige Episoden setzen und auch den Charakter nur kurz durch eine Lupe betrachten. Viele wichtige Stationen werden dann gerade einmal auf zwei Seiten abgehandelt und anderes sogar nur in einem Panel. So wenn die behütete Kindheit endet und die kleine Alice zu strengen Nonnen in ein Internat gebracht wird, so wird die emotionale Konsequenz dieses herben Bruchs der Lebensumstände nur in einem Panel zusammengefasst. Anderes lässt sich nur erahnen, nämlich wie sehr der Bankrott ihres Vaters oder die Entwurzelung in der Kindheit sie geprägt haben mag. Auch diejenigen die ihr begegnen, darunter sehr berühmte Männer wie Gustave Eiffel, Buster Keaton, Charles Chaplin, Georges Méliès, die Gebrüder Lumiere und viele andere, gehen in die Tausende und kommen nur Schlaglichtartig vor und so bleiben die Emotionen bei der Lektüre außen vor.

Eine faktisch großartige und wichtige Leistung, aber vieles kommt trotz des Umfangs zu kurz, die Emotionen bleiben auf der Strecke, die Charaktere bleiben flach und die sympathischen aber kargen Zeichnungen geben einem nicht unbedingt viel Wiedererkennungswert bei den Gesichtern. Ein wichtiger Band, der aber eher dazu einlädt sich näher mit der Frau zu befassen, deren Filme zum größten Teil übrigens verschollen sind. 



Fazit:

Paradox: von den Fakten her gesehen eine großartige Leistung, aber die Emotionen und die Charaktere kommen  trotz des Umfangs zu kurz. So bleiben nur Schlaglichter und Fakten, aber keine Einordnungen. Dennoch für Cineasten unverzichtbar.



Alice Guy - Die erste Filmregisseurin der Welt - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Alice Guy - Die erste Filmregisseurin der Welt

Autor der Besprechung:
Jons Marek Schiemann

Verlag:
Splitter

Preis:
€ 45,00

ISBN 10:
398721029X

ISBN 13:
978-3987210297

400 Seiten

Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

Positiv aufgefallen
  • Faktendichte
  • viele historische Persönlichkeiten
  • Schlaglichter
  • Rechercheleistung
Negativ aufgefallen
  • Emotionen kommen zu kurz
  • wichtige Stationen nur kurz angerissen
  • Charakter bleibt oberflächlich
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
1.6
(5 Stimmen)
Bewertung
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Rezension vom: 03.07.2023
Kategorie: Alben
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